Siegen-Wittgenstein. Die FDP-Kreistagsfraktion Siegen-Wittgenstein spricht sich dafür aus, die Chance auf einen Nationalpark Rothaarkamm zu nutzen. Für die Liberalen ist das Projekt nicht nur aus ökologischer und touristischer Sicht interessant. Vor allem für die wirtschaftliche Entwicklung und die Attraktivität Siegen-Wittgensteins im Wettbewerb um Fachkräfte könne ein Nationalpark zu einem wichtigen Standortfaktor werden. „Wer Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung gegeneinander ausspielt, denkt in den Kategorien von gestern. Ein Nationalpark ist kein Angriff auf unsere Industrie, sondern kann ihr sogar helfen. Unsere Unternehmen brauchen nicht nur Straßen, Gewerbeflächen und schnelles Internet. Sie brauchen Fachkräfte, die gerne hier leben wollen. Ein Nationalpark vor der Haustür ist dabei ein Pfund, mit dem Siegen-Wittgenstein künftig bundesweit wuchern kann“, erklärt der Vorsitzende der FDP-Kreistagsfraktion, Guido Müller.
Die FDP widerspricht damit der Darstellung, ein Nationalpark sei mit liberaler Wirtschafts- und Eigentumspolitik grundsätzlich nicht vereinbar. Die derzeit diskutierte Gebietskulisse umfasst ausschließlich Flächen des Landes Nordrhein-Westfalen sowie Flächen der Dieter Mennekes Umweltstiftung. Private Flächen können nur freiwillig einbezogen werden, Enteignungen waren und sind nicht vorgesehen. Für die FDP ist der Schutz privaten Eigentums eine zentrale Voraussetzung für eine Zustimmung. Auch angrenzende Waldbesitzer dürften durch einen Nationalpark nicht mit zusätzlichen Einschränkungen belastet werden. „Für uns Liberale ist der Nationalpark ja kein grünes Projekt aus Naturschutz-Romantik, sondern knallharte Standort- und Wirtschaftspolitik. Natürlich nehmen wir die Sorgen und Bedenken der Waldbauern ernst. Aber Sorgen müssen überprüft und offene Fragen beantwortet werden. Inzwischen liegen Antworten auf mehrere hundert Fragen vor. Wenn Eigentum geschützt bleibt, Wegerechte gesichert werden und die Bewirtschaftung benachbarter Privatwälder nicht eingeschränkt wird, sollten wir auch bereit sein, alte Vorbehalte zu überprüfen“, so der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Peter Hanke.

Nationalpark als Standortfaktor
Besonders Hilchenbach, Erndtebrück, Bad Laasphe und Netphen könnten nach Einschätzung der Liberalen wirtschaftlich von einem Nationalpark profitieren. Die FDP setzt sich deshalb dafür ein, attraktive Zugänge, so genannte Nationalpark-Tore in diesen Kommunen und entsprechende touristische Infrastruktur zu schaffen. Für Mountainbiker sollen ortsnah – aber außerhalb des Nationalparks – ein attrakives Trailangebot geschaffen werden, von dem aus die touristischen und gastronomischen Angebote schnell erreichbar sein sollen. Ebenso wäre ein Angebot für Camping oder weitere Trekkingplattforme in der geografischen Nähe, vielleicht auch mit Anschluss an bestehende Gastronomiebetreiber und den Angeboten des Rothaarsteigs eine gute Lösung. Die bestehenden Nationalparke in Deutschland haben alle eines gemeinsam: sie sind echte Publikumsmagnete geworden und sorgen für eine hohe Wertschöpfung in den Regionen. Dass ein Nationalpark weit über klassischen Naturschutz hinausgehen kann, hatte auch Landrat Andreas Müller im laufenden Verfahren hervorgehoben. Hochwertige Naherholungsangebote, Umweltbildung und Naturerleben könnten einen Mehrwert für die gesamte Region schaffen und den Nationalpark zu einem Leuchtturmprojekt der Regionalentwicklung machen. Für die FDP ist dabei insbesondere der Wettbewerb um Fachkräfte entscheidend. „Wir reden seit Jahren darüber, wie wir junge Menschen und hochqualifizierte Fachkräfte ins Siegerland bekommen. Gleichzeitig sollen wir die Chance ablehnen, unserer Region ein bundesweit bekanntes Alleinstellungsmerkmal zu geben? Das wäre wirtschaftspolitisch kurzsichtig. Ein Nationalpark macht aus Siegen-Wittgenstein keine Museumslandschaft. Er kann eine starke Industrieregion noch lebenswerter und damit wettbewerbsfähiger machen“, betont Müller. Nicht zuletzt arbeitet der Kreistag auch an einem neuen Tourismuskonzept, einem Lebensraummanagement. Anlehnung dafür findet man bspw. in Österreich, dem Schwarzwald oder im Allgäu.
Klare Bedingungen der FDP
Eine Zustimmung zum Nationalpark sei für die FDP allerdings an klare Bedingungen geknüpft. Privates Eigentum und die Bewirtschaftungsmöglichkeiten angrenzender Wälder müssten geschützt bleiben. Wegerechte seien dauerhaft zu gewährleisten. Ebenso dürfe der Nationalpark wichtige Infrastrukturprojekte nicht verhindern. Insbesondere die Route 57 und die Verkehrsverbindungen über den Rothaarkamm müssten abgesichert werden. Auch Landrat Andreas Müller hat erklärt, dass die wirtschaftliche Entwicklung Siegen-Wittgensteins durch einen Nationalpark nicht beeinträchtigt werden dürfe und die Realisierung der Route 57 sowie die Ertüchtigung der L 719 berücksichtigt werden müssten. Die Landesregierung hat das auch bereits abgesegnet. Die Liberalen weisen zudem darauf hin, dass der Nationalpark kein vollständig nutzungsfreier Raum sein wird. Auch dort sind Managementmaßnahmen etwa bei Wildbeständen, Besucherlenkung oder Verkehrssicherung notwendig.

Entscheidung auf Grundlage von Fakten
Die FDP begrüßt deshalb den umfangreichen Beteiligungsprozess des Kreises. Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen beschäftigen sich seit Monaten unter anderem mit Land- und Forstwirtschaft, Jagd- und Wildtiermanagement, Tourismus, Verkehrsinfrastruktur, regionaler Entwicklung sowie dem rechtlichen Rahmen. „Wir setzen hier auch auf Verhandlungskalkül statt Öko-Dogmatik“, betont Peter Hanke, „wenn das Land NRW einen zweiten Nationalpark haben möchte, sollten wir das als Hebel nutzen – etwa bei der Freigabe fehlender Gewerbeflächen im Kreis, Investitionen in Infrastruktur und auch beim Weiterbau der Route 57.“ Guido Müller abschließend: „Wenn die sachlichen Bedenken ausgeräumt sind, darf man nicht aus Prinzip Nein sagen. Wer dann immer noch behauptet, der Nationalpark bedrohe automatisch Eigentum und Wirtschaft, betreibt keine sachliche Debatte mehr, sondern Angstpolitik. Siegen-Wittgenstein sollte den Mut haben, diese Chance zu ergreifen.“ Für die Liberalen könne der Nationalpark damit für ein neues Selbstverständnis der Region stehen: eine starke Industrieregion, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit mit außergewöhnlicher Natur- und Lebensqualität verbindet.