Ehemalige Bundes- und Landespolitiker werben für Nationalpark / Tourismus als zusätzliches wirtschaftliches Standbein / FDP sieht Chancen für ein Gesamtpaket mit Route 57 und neuen Gewerbeflächen
Die Diskussion um einen möglichen Nationalpark Rothaarkamm steuert auf ihre entscheidende Phase zu. Beim Nationalparkforum am 27. August im Kulturhaus Lÿz sollen die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung und die Antworten der Expertengruppen vorgestellt werden. Rund 400 Fragen aus der Bevölkerung, von Initiativen und Verbänden wurden nach Angaben des Kreises in den vergangenen Monaten bearbeitet. Mit dabei sein wird auch NRW-Umweltminister Oliver Krischer. Ab September beschäftigt sich wieder die Kreispolitik mit dem Projekt, die abschließende Entscheidung im Kreistag ist für November vorgesehen. Unter den Teilnehmern des Forums werden auch zwei ehemalige Spitzenpolitiker der FDP aus Siegen-Wittgenstein sein: die frühere Bundestagsabgeordnete Helga Daub und der ehemalige Landtagsabgeordnete Hagen Tschoeltsch. Beide haben ihr Kommen fest eingeplant und sprechen sich deutlich für die Einrichtung des zweiten Nationalparks in Nordrhein-Westfalen aus.
Daub: „Eine einmalige Chance für Siegen-Wittgenstein“
„Wir haben hier eine einmalige Chance für Siegen-Wittgenstein. Der Nationalpark wird ein Alleinstellungsmerkmal für unsere Region. Ein Segen für Hotels und Gastronomie. Aber noch entscheidender: Wir erhalten mit diesem Projekt ein starkes Stück Heimat für die Nachwelt“, erklärt Helga Daub. Daub weiß dabei aus eigener beruflicher und politischer Erfahrung um die Bedeutung des Tourismus. Die ausgebildete Hotelkauffrau gehörte von 2002 bis 2005 und erneut von 2009 bis 2013 dem Deutschen Bundestag an und war dort unter anderem ordentliches Mitglied des Tourismusausschusses.

Die kritischen Stimmen in der Region will sie ernst nehmen, warnt aber davor, aus Befürchtungen vorschnell grundsätzliche Ablehnung abzuleiten. „Natürlich registrieren wir auch kritische Stimmen von Waldbesitzern oder aus dem Umfeld der Windenergie. Aber hier gilt es vor allem, Ängste und Vorurteile abzubauen. Viele Fragen, die zu Beginn der Diskussion verständlicherweise offen waren, sind inzwischen beantwortet. Der Nationalpark darf die wirtschaftliche Entwicklung der Region nicht behindern. Aber wir sollten umgekehrt auch nicht zulassen, dass die Angst vor Veränderung eine große Chance für unsere Heimat verhindert“, so Daub. Tatsächlich hat der Beteiligungsprozess inzwischen eine Reihe der immer wieder diskutierten Konfliktpunkte konkretisiert. So sollen ausschließlich Landes- und Stiftungsflächen Bestandteil der Gebietskulisse werden. Für Privateigentümer entstehen durch die Ausweisung selbst damit nach Angaben des Kreises keine Einschränkungen. Auch Windenergie bleibt außerhalb des Nationalparks grundsätzlich möglich; zusätzliche gesetzliche Mindestabstände entstehen durch den Nationalpark nicht.
Tourismus: Erfahrungen anderer Nationalparks sprechen für erhebliche Potenziale
Besonders groß könnten die Chancen für den Tourismus sein. Siegen-Wittgenstein verfügt mit Rothaarsteig, Waldlandschaften, Quellen von Sieg, Lahn und Eder und einer gewachsenen Wanderinfrastruktur bereits heute über ein starkes naturtouristisches Fundament. Ein Nationalpark würde dieses Angebot nicht ersetzen, sondern ihm eine bundesweit bekannte Marke hinzufügen. Der Rothaarkamm selbst zählt nach Angaben des Kreises zu den ökologisch wertvollsten Naturräumen Nordrhein-Westfalens. Die weitgehend unzerschnittene Waldlandschaft mit Buchenwäldern, Moor- und Bruchwäldern, Bergwiesen, Quellgebieten und naturnahen Bächen bietet neben ihrer ökologischen Bedeutung auch ein besonderes Potenzial für Naturerlebnis und Umweltbildung.
Wie groß die wirtschaftliche Wirkung eines Nationalparks sein kann, zeigen Erfahrungen aus anderen Regionen. Im Nationalpark Eifel wurden 2022/23 mehr als 1,38 Millionen Gäste gezählt. Ihre Ausgaben erzeugten einen Bruttoumsatz von rund 76 Millionen Euro. Gegenüber den ersten Untersuchungen aus dem Jahr 2007 hat sich die wirtschaftliche Bedeutung damit erheblich erhöht. Auch der Nationalpark Schwarzwald zeigt einen messbaren Effekt. Dort werden üblicherweise zwischen 700.000 und 800.000 Besuche pro Jahr registriert. Rund ein Viertel der befragten Besucher gab 2022 an, dass der Status als Nationalpark für den Besuch wichtig oder sehr wichtig gewesen sei. Allein diese eindeutig nationalparkaffinen Gäste sorgten für rund 9,1 Millionen Euro zusätzlichen Bruttoumsatz von außerhalb der Region und einen touristischen Einkommensbeitrag von 4,4 Millionen Euro.
Auch der Kreis Siegen-Wittgenstein hat die touristischen Chancen inzwischen intensiv untersuchen lassen. Tourismus NRW verweist darauf, dass Natur und Landschaft für 34 Prozent der Gäste in Nordrhein-Westfalen ein zentraler Reiseanlass sind. Natur- und Nationalparks folgen mit 15 Prozent. Wandern, authentische Naturerlebnisse, Gesundheits- und Achtsamkeitsangebote gewinnen zusätzlich an Bedeutung. Ein Nationalpark könne deshalb gerade einer waldreichen Region einen unverwechselbaren touristischen Charakter verleihen. Davon würden nicht allein Hotels und Restaurants profitieren. Erfahrungen aus dem Nationalpark Kellerwald-Edersee zeigen, dass rund um einen Nationalpark neue Wander- und Radangebote, Nationalpark-Partnerbetriebe, Umweltbildungsangebote und regionale Vermarktungsstrukturen entstehen können. Damit erreicht die Wertschöpfung auch Einzelhandel, Direktvermarkter, Landwirtschaft, Handwerk und weitere Dienstleister.
Hinzu kommt die Infrastruktur: Bei einer Ausweisung ist grundsätzlich ein eigenes Nationalparkzentrum vorgesehen. Auch eine stärkere touristische Nutzung der Rothaarbahn RB 93, aufgewertete Bahnhöfe, Nationalpark-Buslinien, Wander- und Fahrradbusse oder eine Gästekarte mit vergünstigter beziehungsweise kostenloser ÖPNV-Nutzung gehören zu den Optionen, die im weiteren Verfahren untersucht werden könnten.
Nationalpark als Standortfaktor für Fachkräfte
Für die FDP geht die Bedeutung deshalb über klassische Tourismuspolitik hinaus. Gerade für eine industriell geprägte Region könne Lebensqualität zu einem immer wichtigeren Faktor im Wettbewerb um Fachkräfte werden. Unternehmen konkurrierten längst nicht mehr allein mit Gehalt und Karriereperspektiven, sondern auch mit der Attraktivität ihres Standortes.
Auch Tourismus NRW sieht attraktive Natur- und Freizeitangebote als Standortfaktor für die Gewinnung und Bindung von Fachkräften. Ein Nationalpark Rothaarkamm könnte damit zwei Seiten der regionalen Identität miteinander verbinden: Siegen-Wittgenstein als traditionsreiche Industrieregion und zugleich als außergewöhnlich wald- und naturreiche Mittelgebirgsregion.
Tschoeltsch: Nationalpark zum Verhandlungsprojekt mit Düsseldorf machen
Der frühere FDP-Landtagsabgeordnete Hagen Tschoeltsch richtet den Blick deshalb insbesondere auf die politischen Möglichkeiten, die mit einer Nationalparkentscheidung verbunden wären. Tschoeltsch gehörte von 1985 bis 1995 dem nordrhein-westfälischen Landtag an und war von 1988 bis 1995 Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Landtagsfraktion. Zuvor führte er zehn Jahre die FDP-Fraktion im Kreistag Siegen-Wittgenstein. „Ein Nationalpark ist für mich nicht nur eine Naturschutzentscheidung. Es geht um die Frage, was Siegen-Wittgenstein im Gegenzug für eine solche Entscheidung für seine zukünftige Entwicklung erreichen kann“, erklärt Tschoeltsch. Für ihn müsse die Region deshalb selbstbewusst gegenüber Düsseldorf auftreten: „Es werden nicht nur erhebliche Mittel in die notwendige Infrastruktur und den Aufbau des Nationalparks fließen. Entscheidend ist, dass Siegen-Wittgenstein diese Situation politisch nutzt. Wenn wir dem Land ein solches Projekt ermöglichen, dann sollten wir gleichzeitig über die zentralen Zukunftsfragen unserer Region sprechen. Dazu gehören die Verkehrsinfrastruktur und insbesondere die Route 57 ebenso wie ausreichende Entwicklungsmöglichkeiten für unsere Industrie.“

Route 57 und Nationalpark können miteinander verbunden werden
Dass Nationalpark und Route 57 nicht zwangsläufig im Widerspruch zueinander stehen, ist inzwischen auch Bestandteil der offiziellen Antworten im Beteiligungsverfahren. Die Route 57 zwischen Kreuztal-Ferndorf und Erndtebrück-Leimstruth ist im Bedarfsplan für die Bundesfernstraßen als Vordringlicher Bedarf eingestuft. Damit besteht weiterhin ein bundesgesetzlicher Planungsauftrag. Für den Fall eines Nationalparks schlägt das NRW-Umweltministerium ausdrücklich vor, sämtliche potenziellen Trassen sowie die B 62 und B 508 einschließlich ihrer Anbaubeschränkungszonen aus der Nationalparkkulisse herauszunehmen. Mehr noch: Das Ministerium sieht ausdrücklich die Möglichkeit von Synergien zwischen beiden Projekten. So soll geprüft werden, ob notwendige Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen für die Route 57 innerhalb eines künftigen Nationalparks umgesetzt werden könnten und dadurch sogar ein Beitrag zu einer schnelleren Realisierung des Straßenprojekts möglich wäre. Für Tschoeltsch ist genau das der Ansatzpunkt: „Wenn wir Nationalpark und Route 57 nicht gegeneinander ausspielen, sondern gemeinsam denken, kann daraus ein Gewinn für beide Seiten entstehen. Naturschutz und moderne Verkehrsinfrastruktur dürfen keine politischen Gegensätze sein.“
FDP bringt Gewerbeflächen als weiteres Verhandlungsthema ins Spiel
Aus Sicht der Liberalen Kreistagsfraktion sollte ein mögliches Gesamtpaket aber noch weiter reichen. Ein zentrales Thema sei das seit Jahren bestehende Gewerbeflächendefizit im Kreis Siegen-Wittgenstein. Nach Berechnungen im Auftrag der IHK Siegen fehlen im Kreis rund 300 Hektar Gewerbeflächen. Gleichzeitig werden in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe lediglich rund 1,5 Prozent der Gesamtfläche industriell oder gewerblich genutzt – weniger als im Landesdurchschnitt. Gerade die engen Tallagen und naturräumlichen Bedingungen erschweren die Entwicklung neuer Standorte. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Planerisch ausgewiesene Gewerbefläche ist nicht automatisch tatsächlich nutzbare Gewerbefläche. Eine von der IHK beauftragte Untersuchung ausgewählter Gewerbe- und Industriegebiete kam zu dem Ergebnis, dass lediglich 57 Prozent der untersuchten Bruttoflächen tatsächlich gewerblich oder industriell nutzbar waren. Für eine stark industriell geprägte Region ist diese Flächenknappheit aus Sicht der FDP ein erhebliches Transformationshemmnis. Unternehmen, die wachsen, neue Produktionsverfahren einführen oder zusätzliche Standorte aufbauen wollen, benötigen Entwicklungsperspektiven.
„Ein Nationalpark darf deshalb nicht isoliert betrachtet werden“, betont Tschoeltsch. „Wir sollten die Chance nutzen, mit dem Land über ein Zukunftspaket für Siegen-Wittgenstein zu verhandeln: Nationalpark, Route 57, eine leistungsfähige Schienenanbindung, touristische Infrastruktur und zugleich neue Entwicklungsmöglichkeiten für unsere heimische Wirtschaft. So wird aus einem Naturschutzprojekt ein echtes regionales Entwicklungsprojekt.“
Entscheidung über mehr als 4.000 Hektar – und über das Profil der Region
Die derzeit diskutierte Kernkulisse des Nationalparks umfasst rund 4.300 Hektar Staatswald zwischen Hilchenbach-Lützel und Netphen-Hainchen. Hinzukommen könnten rund 330 Hektar der Dieter-Mennekes-Umweltstiftung. Private Waldflächen sind für die Kulisse nicht vorgesehen. Für Daub wäre die Entscheidung deshalb weit mehr als eine Frage des Naturschutzes. „Wir reden sehr viel darüber, was nicht gehen könnte. Wir sollten endlich stärker darüber reden, was durch einen Nationalpark möglich wird“, sagt die ehemalige Bundestagsabgeordnete. „Wir können Natur schützen, den Tourismus stärken, neue Arbeitsplätze schaffen und unserer Region bundesweit ein neues Gesicht geben. Vor allem aber können wir unseren Kindern und Enkeln etwas hinterlassen, auf das sie stolz sein können. Eine solche Chance bekommt eine Region vielleicht einmal in einer Generation.“ Am 27. August wird die Debatte beim Nationalparkforum in die nächste Runde gehen. Danach liegt die Entscheidung wieder bei der Politik. Im November soll der Kreistag abschließend darüber befinden, ob Siegen-Wittgenstein den Weg zu Nordrhein-Westfalens zweitem Nationalpark einschlagen will.